Nicht ohne meine Kunden

Jim Hagemann Snabe über den richtigen Einsatz von intelligenten Stromnetzen.

Seit Ende Oktober sind es sieben Milliarden Menschen auf der Welt, die eine sichere, umweltverträgliche und bezahlbare Stromversorgung brauchen. Bis zum Jahr 2030 wird der Energieverbrauch weltweit um 50 Prozent ansteigen. Mit dem Ausstieg aus der Atomenergie bis 2022 hat Deutschland sich für eine Vorreiterrolle entschieden, um Wege für eine nachhaltige Energieversorgung zu ebnen. Ziel ist es, bis 2020 den Anteil von erneuerbaren Energien bei der Stromerzeugung auf mindestens 35 Prozent zu steigern und den Stromverbrauch insgesamt um zehn Prozent zu senken.
Neben der Stärkung erneuerbarer Energien steht vor allem der effiziente Umgang mit bestehenden Energieressourcen im Fokus. Damit dieses Programm gelingen kann, gilt es, einige Hürden zu überwinden.
Softwareentwickler arbeiten mit Vertretern der Energieversorgung, der Energiegewinnung und des Energievertriebs zusammen, um Lösungen zu entwickeln, die neue Energiequellen identifizieren und die bestehende Ressourcen schonen. Unser besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Weiterentwicklung intelligenter Stromnetze - der sogenannten Smart Grids. Intelligente Stromzähler, Smart Meter, können über das Internet den jeweils aktuellen Stromverbrauch jedes Kunden an die Energieversorger kommunizieren. Stromerzeugung, Netzbetrieb und Stromverbrauch können damit optimal gesteuert und effizienter gestaltet werden.
Ganz wichtig aber ist, dass die Nutzung dieser neuen technischen Möglichkeiten Hand in Hand mit dem Datenschutz und dem Schutz der Privatsphäre geht. Gelingt das nicht, werden Kunden die neuartigen Zähler als Eingriff in ihre Privatsphäre ablehnen und schlimmstenfalls den Einbau verweigern. Für die Energiewende wäre das genauso kritisch wie der mangelnde Bau neuer Trassen. Denn intelligent gesteuerte Netze brauchen mehr Kapazität und Flexibilität. Sonst kann es keine sinnvolle Nutzung der unregelmäßig anfallenden erneuerbaren Energien geben.
Wichtig ist nicht nur die klare Information vorab, sondern auch die Wahlfreiheit. Jeder einzelne Stromkunde muss sich für oder gegen die Nutzung der Smart Grids entscheiden können. Die Kunden müssen erläutert bekommen, was die Energieversorger mit den ihnen zugänglichen Daten machen und - mindestens genauso wichtig - was sie nicht mit ihnen machen dürfen. Dies ist unverzichtbar, da die Energieversorger über Smart Grids detaillierte Kenntnisse darüber erhalten, wann wer wo wie viel Strom verbraucht. Wenn man die Verwendung dieser Daten nicht genau regelt, könnten Dritte ungewollte Rückschlüsse auf Verhaltensweisen und Gewohnheiten einzelner Menschen oder einzelner Haushalte ableiten.
Verantwortungsvoll gehandhabte Datenanalysen auf Basis innovativer Technologie leisten allerdings einen wichtigen Beitrag zum bewussten Umgang mit Energie. Durch die Einsicht in den individuellen Energieverbrauch kann jeder Bürger lernen, seinen Stromverbrauch zu optimieren. Das Wissen um den genauen Energieverbrauch kann Grundstein und Motor für einen Innovationsprozess ganz besonderer Art sein. Durch die Verbindung aller Nutzer des Stromnetzes - Kunden, Erzeuger, Netzbetreiber und Lieferanten - halten Smart Grids eine Gestaltungsplattform vor. Jeder Nutzer kann, wenn er möchte, nun an der Schaffung von effizienteren Energieversorgungsmodellen mitwirken und so die Zukunft mitgestalten.
Seit 2007 gibt es in Deutschland Smart-Grid-Testprojekte. Eon bietet beispielsweise Ökostrom in 50 Filialen der Telekom in Niedersachsen und Bayern an. Kunden bekommen bei Vertragsabschluss einen Smart Meter, mit dem sie ihren aktuellen Energieverbrauch online oder auf einem mobilen Endgerät ablesen können.
Bei SAP-Kunden sind weltweit Smart-Grid-Lösungen im Einsatz, die insgesamt 30 Millionen Haushalten einen verantwortungsvolleren Umgang mit Energieressourcen ermöglichen.
Aber auch für die Energieversorgungsunternehmen eröffnen sich durch die Smart Grids neue Geschäftsfelder. Umfassende Beratung und Serviceleistungen für den smarten Energieverbrauch werden künftig ein wichtiger Teil des Gesamtangebots für private Haushalte und Unternehmen sein.
Nach Schätzungen unserer Studie „Smart Grids for Europe“ ist es möglich, die Stromkosten in der Europäischen Union durch intelligente Regulierung und Energiemanagement mittelfristig um 13 Prozent zu senken. Das entspricht einer jährlichen Kosteneinsparung im zweistelligen Milliardenbereich. Diese Chance sollten wir nutzen.

Der Autor Jim Hagemann Snabe ist Chef von SAP.
Sie erreichen ihn unter: gastautor@handelsblatt.com
Quelle: Handelsblatt Ausgabe 24.11.2011 Letzte Seite Gastautor



Eingestellt am 24.11.2011 von B.Birr
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